11.06. 2013

Beeinflusst Sprache unser Weltbild?

Seit vielen Jahrhunderten tritt immer wieder eine interessante, aber sehr umstrittene Frage auf: Woher kommen unsere Sprachen? Es gibt zwei dominierende Theorien, welche sich damit beschäftigen, wie verschiedene Sprachen die Denkweisen und Wahrnehmungen von ihren Sprechern beeinflusst:

Noam Chomsky, der renommierte Sprachwissenschaftler, Philosoph, kognitive Wissenschaftler, Logiker und Professor am Massachusetts Institute of Technology (USA), stellte die Theorie auf, dass alle Sprachen die gleiche universelle Grammatik, die gleichen grundlegenden Konzepte und das gleiche Maß an systematischer Komplexität besitzen.

Das bedeutet, dass der größte Teil der Grammatik in allen menschlichen Sprachen angeboren ist und diese Regeln in unserer DNA codiert sind. Die meisten Wissenschaftler stimmen mit dieser Ansicht heutzutage überein und werden die sogenannten “Nativisten” genannt. Sie glauben, dass die universale Grammatik die menschliche Natur widerspiegelt und dass etwaige Unterschiede zwischen den grammatischen Strukturen der Sprache von geringer Bedeutung sind.

Im Gegensatz dazu steht die Minderheit der “Kulturalisten”, darunter Steven Pinker, ein kognitiver Wissenschaftler, Linguist, experimenteller Psychologe und Professor an der Harvard University (USA), und Guy Deutscher, Autor des Buchs Through the Language Glass: Why the World Looks Different in other Languages. Deutscher argumentiert in seinem Buch, dass es “kaum Anzeichen dafür gibt, dass spezifische Grammatikregeln im Gehirn vorverdrahtet sind. Es besteht auch keine Notwendigkeit, sich auf Gene zu berufen, die die grammatikalischen Strukturen erklären, weil diese viel einfacher und plausibler mit dem Produkt der kulturellen Entwicklung und mit der Antwort auf die Erfordernisse einer effizienten Kommunikation erklärt werden können”.

 

Drei Beispiele dafür, wie sehr sich Sprachen bei grundlegende Konzepten unterscheiden können:

1. Im Hawaiischen sind “Arm”, “Hand” und “Finger” dasselbe Wort

Viele Sprachen unterscheiden nicht zwischen den drei deutschen Teilen “Arm”, “Hand” und “Finger”. In Hawaiisch wird nur ein Begriff verwendet. Ebenso machen Hebräischsprecher keinen Unterschied zwischen “Arm” und “Hand” (sie verwenden nur das Wort yad). Das englische Wort “neck” wird wie im Hebräischen durch zwei verschiedene Wörter ausgedrückt: oref bezieht sich auf die Rückseite des Hals, also der Nacken, und tsavar bedeutet die Vorderseite des Halses, also der Hals. Das deutet darauf hin, dass es abhängig von der Kultur ist, in der man aufgewachsen ist, wie man seinen Körper wahrnimmt.

2. Tagalog-Sprecher und das Pronomen “wir”

Tagalog-Sprecher in den Philippinen haben drei verschiedene Wörter für das Pronomen “wir”: kita, “nur wir zwei, du und ich”, tayo, “du und ich, und jemand anderes” und kami, “ich und jemand anderes, aber nicht du”.

3. Die Schuldfrage im Englischen, Spanischen und Japanischen

Wenn eine Vase kaputt geht, sagen englisch Sprechende oft, dass jemand bestimmtes die Vase kaputt gemacht hätte, auch wenn es nur ein Versehen war. Im Spanischen und Japanischen hingegen wird allerdings gesagt, dass die Vase von selbst kaputt gegangen ist. Die Stanford Professorin für Psychologie, Lera Boroditsky, hat eine Studie durchgeführt, in der sie englischen, spanischen und japanischen Muttersprachlern ein Video zeigte, in denen Sachen ausversehen kaputt gemacht wurden. Das Ergebnis war, dass sich die Engländer viel besser erinnern konnten, wer versehentlich Eier zerbrach, Getränke verschüttete oder Luftballons zerknallte.

 

Denken Sie, dass alle Sprachen eine universelle Grammatik besitzen oder glauben Sie, dass die Sprache tatsächlich Einfluss auf unser Weltbild hat?