28.02. 2013

Ein etwas philosophischer Einblick in fremde Kulturen und bedrohte Sprachen

Stellen Sie sich vor, Sie sind die letzte Person Ihres Stammes, die Ihre Sprache spricht… Sie haben keine Möglichkeit, die Weisheiten Ihrer Vorfahren, das kulturelle Erbe, Ihre Ausdrucksweise Ihrer Liebe, Ihres Humors und Ihres Lebens weiterzugeben.

Laut der UNESCO wird geschätzt, dass, wenn sich nichts ändert, über die Hälfte unserer heute 6000 gesprochenen Sprachen bis zum Ende dieses Jahrhunderts aussterben werden. Das bedeutet, dass alle zwei Wochen der Älteste eines Stammes stirbt und mit ihm die letzten Silben seiner Sprache. Indien beispielsweise steht vor einem schwerwiegenden Problem: über 190 indische Stammessprachen sind gefährdet, die meisten von ihnen befinden sich im fernöstlichen Teil des Landes. Der Grund dafür ist das Fehlen von schriftlicher Literatur und der Mangel an Möglichkeiten, die Sprachen anzuwenden, da sie weder in der Bildung noch in administrativen Bereichen genutzt werden kann.

Wade Davis, ein kanadischer Ethnobotaniker, Anthropologe und Autor, ist sich vollkommen bewusst über unsere kulturelle Vielfalt und die zahlreichen (sterbenden) Sprachen. Obwohl er nicht mit der Sapir-Whorf-Hypothese übereinstimmt (d.h., dass die Struktur einer Sprache das Denken der Sprecher beeinflusst), erklärt er in einem Video aus dem Jahr 2003, dass eine Sprache “nicht nur aus Vokabeln und grammatischen Regeln” besteht, sondern ein “Blitz des menschlichen Geistes” ist. Vielmehr “ein Medium, durch das die Seelen jeder einzelnen Kultur in die materielle Welt gelangen kann”. Nur durch Sprache können wir unsere unterschiedlichen Denkweisen, unsere verschiedenen Weisen des Seins, unsere Träume, Hoffnungen und Anregungen äußern.

Davis, wird als “eine seltene Kombination von Wissenschaftler, Gelehrter, Dichter und leidenschaftlicher Verteidiger jeglicher Lebensvielfalt” von der National Geographic Society  (eines der größten Non-Profit-Bildungs-und Wissenschaftseinrichtungen der Welt) beschrieben. Er erklärt seine Ansicht an dem Beispiel eines Stammes, der sich im kolumbianischen Nordwesten des Amazonas befindet: die Barasana Menschen leben nach dem Motto der sprachlichen Exogamie. Das heißt, dass ein Mann nur dann eine Frau heiraten kann, wenn diese eine andere Sprache als er spricht, ansonsten wird es als Inzest angesehen. Laut dem österreichischen Anthropologen Reichel-Dolmatoff ist es die wichtigste soziale Regel in dieser Tucanoan Gruppe. Frauen müssen in das Haus des Mannes einziehen und auf Grund der verschiedenen Mischehen werden bis zu sechs oder sieben Sprachen in einem Langhaus gesprochen. Angeblich übt keiner eine Sprache im herkömmlichen Sinne, es wird einfach nur zugehört und dann gesprochen.

Heutzutage gibt es ein wachsendes Bewusstsein für das Problem und es wird sich bemüht die Situation zuverbessern, um Sprachen vorm Aussterben zu bewahren. Einer der vielen Ideen, um die Erhaltung der weltweiten sprachlichen Vielfalt zu unterstützen, ist der italienische Nosside World Poetry Prize, eine multimediale und multilinguale Auszeichnung. Im vergangenen Jahr traten 370 Teilnehmer aus 70 Nationen an, um die internationale Jury in dem globalen Lyrikwettbewerb von sich und ihren unveröffentlichten Werken zu überzeugen. Der Wettbewerb wird von mehreren internationalen Institutionen gefördert, wie zum Beispiel der UNESCO.

Schauen Sie Wade Davis’ Rede “Dreams from endangered cultures”: