18.07. 2013

Grammatikalische Geschlechter in verschiedenen Sprachen

Wenn man von grammatikalischen Geschlechtern spricht, könnte man sich fragen, was Grammatik mit Geschlecht zu tun hat. Nicht viel, um ehrlich zu sein. Der Fachbegriff Genus kommt von dem griechischen Wort genos, was ursprünglich „Typ” oder „Rasse” bedeutete. Doch dann mussten die griechischen Philosophen wieder einmal eine Sache kompliziert machen und begannen, das Substantiv auf eine bestimmte Aufteilung von drei Typen zu beziehen: Männer (Menschen und Tiere), Frauen und unbelebte Dinge. Vom Griechischen übertrug sich dies auf das Lateinische und somit in andere europäische Sprachen, darunter auch Deutsch.

Die meisten deutschen Substantive lassen keinen verallgemeinerbaren Zusammenhang zwischen der Bedeutung (Semantik) des Wortes und seinem Genus erkennen. Allerdings kann festgestellt werden, dass das Genus eines personenbezeichnenden Substantivs meist dem Sexus der betreffenden Person (z.B. die Frau, der Mann) entspricht. Ausnahmen sind die Verkleinerungsformen, die immer sächlich sind, z.B. das Mädchen oder das Fräulein.

Moderne Sprachen unterscheiden sich sehr innerhalb ihrer Genussysteme. Nur ein Viertel aller bekannten Sprachen unserer Welt haben eine Nominalklasse. Sprachen wie Finnisch, Ungarisch, Estnisch, Türkisch, Indonesisch und Vietnamesisch haben überhaupt keine grammatikalischen Geschlechter. Andere Sprachen haben eine Genusunterscheidung, welche sich auf „Belebtheit” stützt: eine Unterscheidung zwischen belebten Dingen (Menschen und Tiere beider Geschlechter) und unbelebten Objekten. Wiederum andere Sprachen unterscheiden zwischen Menschen und nicht-Menschen (Tiere und unbelebte Dinge), während andere eine klare Grenze auf eine andere Art und Weise ziehen:

Die australische Sprache Ngan’gityemerri hat angeblich fünfzehn Geschlechter, darunter männliche Menschen, weibliche Menschen, Gemüse, Getränke, Hunde, nicht-Hunde (Tiere) und zwei verschiedene Geschlechter für Speere.

„Logische Geschlechter” wie diese kann man auch in Tamil finden, wo es – wie im Deutschen – drei grammatikalische Genera gibt: männlich, weiblich und sächlich. Allerdings unterscheiden sich die beiden Sprachen darin, dass es in Tamil eine übersichtliche Einteilung gibt. Männer (und männliche Götter) gehören zur männlichen Klasse, Frauen (und weibliche Götter) gehören zu der weiblichen und alles andere, einschließlich Tiere und Objekte, sind sächlich.

Doch wie bereits erwähnt, sind nicht alle grammatikalischen Geschlechter so sinnvoll eingeteilt. Nur eine Handvoll von Sprachen hat tatsächlich ein logisches System, das Objekte mit ähnlichen Eigenschaften gruppiert; Alle anderen Sprachen sind uneinheitlich und nicht durchschaubar, z.B. Französisch, Italienisch, Spanisch, Portugiesisch, Deutsch, Russisch, Niederländisch, Schwedisch, Norwegisch, Dänisch, Polnisch, Tschechisch und Griechisch.

Nicht nur die deutsche Geschlechterzuweisung ist lustig (denken Sie an das sächliche Messer, aber den männlichen Löffel mit seiner behaarten Brust oder die weibliche Gabel mit ihrer tollen Figur). Im Spanischen ist im Übrigen der Löffel weiblich (la cuchara) und die Gabel männlich (el tenedor).

Ein weiteres eigenartiges Beispiel bietet die afrikanische Sprache Supyire, welche fünf Genera hat: Menschen, kleine Dinge, große Dinge, Kollektive und Flüssigkeiten. Das Geschlecht „große Dinge” schließt, wie Sie es eventuell erwartet haben, auch die großen Tiere ein: die Giraffe, das Nilpferd, das Pferd, usw. Aber ein Tier galt nicht als groß genug und wurde der menschlichen Klasse zugeordnet – der Elefant!