25.07. 2013

Interview mit dem Entwickler von Lingo – einer neuen Sprach-Lern-App für das iPad

Tom Humphrey, ein ehemaliger Schüler vom Eton College in Windsor, England, hat vor kurzem eine neue iPad App namens “Lingo – Handfeste Übersetzungen” (Englisch: “Tangible Translation”) herausgebracht. Diese App soll Sprachlernern die Möglichkeit bieten, die Geschwindigkeit der Online-Übersetzungsdienste mit der Lernerfahrung von Wörterbüchern und einem eingebauten Merkbuch zu kombinieren.

Die Anwendung ist für französische, spanische und italienische Übersetzungen vom Englischen und umgekehrt verfügbar und wurde speziell für Sprachschüler konzipiert.

Es funktioniert ganz einfach: Man gibt oder kopiert einfach den gewünschten Text ein und Lingo macht sich an die Arbeit. Man klickt auf die Wörter, die man nicht kennt und wie in einem Wörterbuch erscheint die Definition der jeweiligen Worte. So kann man eine personalisierte Wortliste erstellen (man muss dazu mit dem Internet verbunden sein). Mit den angezeigten Vokabeln kann man sich nun darauf konzentrieren, jeden Satz schnell zu übersetzen.

Wenn man Bemerkungen oder grobe Übersetzungen hinzufügen möchte, schiebt man einfach den Text zur Seite und das Notizenfeld erscheint. Die Notizen und Wortlisten werden zusammen mit dem Text gespeichert. Wenn man fertig ist, kann man alles einzeln oder zusammen an eine E-Mail-Adresse senden.

Was man dann mit der E-Mail anstellt, ist einem selbst überlassen. Man kann die Wortlisten drucken, wenn man dadurch besser lernen kann oder man druckt die Notizen mit dem Text für zukünftiges Lernen aus. Für jede Sprache wird eine aktuelle Master-Wortliste erstellt, die sich aus allen Wortlisten zusammensetzt. Die Master-Wortliste wird dann akkurat organisiert, indem die meist nachgeschlagenen Wörter an der Spitze der Liste stehen, damit das künftige Lernen leichter gemacht wird.

Die App ist ein großer Erfolg im iTunes Store mit hunderten Downloads und einer durchschnittlichen Kundenbewertung von 4,5 von 5 Punkten.

Wir sprachen mit Tom und stellten ihm einige Fragen zu seiner Idee und fanden so heraus, wie diese sich in eine funktionierende App verwandelte.

TranslateMedia: Woher stammt die Idee für diese App?

Tom: Vor einem Jahr las ich ein Buch mit dem Titel “The Dumbest Generation” (“Die dümmste Generation”), welches die schädlichen Auswirkungen der Technologie auf unsere Bildung kommentiert. Ich hatte mich im Jahr davor entschieden, meine Karriere im Tech-Sektor aufzubauen, und dadurch hat mich das Buch von Mark Bauerlein sehr verärgert. So begann ich, dort zu suchen, wo sich Bildung und Technik überschneiden und ich möglicherweise einen Unterschied machen könnte. Ich stolperte über den O2 Think Big/ Golden Gekko Appskool Wettbewerb. Ein Freund von mir und ich nahmen teil und gewannen den Wettbewerb (er stieg kurz nachdem wir gewonnen hatten aus) mit einer guten Idee aus vielen schlechten Ansätzen. Im vergangenen Sommer versuchte ich für ein paar Wochen die große Idee etwas zu vereinfachen und zu purifizieren, aber ich merkte, dass es einfach nicht möglich war mit unserem Budget.

Nachdem wir den Wettbewerb also gewonnen hatten, stand ich wieder am Anfang und entwickelte eine neue Idee für eine Sprach-App. Ich hatte Spanisch bis zur 10. Klasse und wusste, was für einen negativen Einfluss der Google Übersetzer auf das Lernen im Klassenzimmer hatte. Es gibt immer eine Tendenz unter Schülern, die Hausaufgaben bis zur letzten Minute aufzuheben, an welchem Punkt eine sofortige maschinelle Übersetzung viel attraktiver erscheint als ein Wörterbuch. Außerdem ist mir aufgefallen, dass Schüler und Studenten, die mit einer persönlichen Vokabelliste lernen, wesentlich besser abschnitten als andere. Lingo basiert also aus diesen beiden Ideen, weil es versucht, die Lücke zwischen Wörterbüchern und maschineller Übersetzung zu schließen, indem individuelle Wortlisten erstellt werden.

TranslateMedia: Wie kam es dazu, dass du die App für das iPad entwickelt hast?

Tom: Ich entschied mich frühzeitig dafür, die App für eine Plattform zu entwickeln, so dass ich mehr Geld für die Entwicklung bekommen würde. Die Bildschirme auf Phablets und Smartphones sind zu klein für das, was wir brauchten, und dadurch entschieden wir uns für Tablets von Apple, nicht zuletzt wegen ihrer Bildungsqualifikationen.

TranslateMedia: Was waren die größten Herausforderungen, mit denen du konfrontiert wurdest, als du deine Idee in eine funktionsfähige Anwendung verwandeltest?

Tom: Zu diesem Zeitpunkt machte ich gerade mein Abitur in Mathe, Physik, Latein und Geschichte. Ich musste eine Balance zwischen dem Lernen und der Entwicklung der App bewahren. Natürlich gab es dann noch zahlreiche andere Herausforderungen, wie beispielsweise die üblichen Klischees, sich nicht im Detail zu verlieren, lernen, dass man manche Dinge nicht umsetzen kann, und zu sagen, dass die Funktion ein “Deal-Breaker” war.
Was allerdings am interessantesten war, war die Herausforderung, die App an meine Freunde zu verkaufen (die App ist im Übrigen kostenlos). Da es Tools wie den Google Übersetzer gibt, welcher alle Probleme eines Schülers sofort löst, fand ich mich mehr und mehr in der Jamie-Oliver-Rolle wieder, welcher fettiges Essen durch gesunde Früchten und Gemüse ersetzt.

Der aktuelle Trend der Technik dreht sich fast nur um Geschwindigkeit und in meiner Generation ist es – bewusst oder unbewusst – dazu gekommen, dass das Mooresche Gesetz für selbstverständlich gehalten wird. Ich habe immer wieder das Gefühl, dass, wenn ich Freunden meine App zeige, die meisten von dem verlangsamten Prozess der Übersetzung und des eigentlichen Lernens abgeschreckt sind. Es gibt dahingehend sehr viele Parallelen zwischen der Benutzung eines Taschenrechners und dem Matheabitur in den letzten 20 Jahren.

In der Zukunft sind wir darauf bedacht, dass wir eine gute Balance zwischen dem Hinzufügen von neuen Features, was Nutzer anlockt, und dem nicht-Hinzufügen von Features, was Lerner abschreckt, zu finden.

TranslateMedia: Wo befanden sich die Entwickler oder Ingenieure der App und hat dies eine Herausforderung dargestellt?

Tom: Die meisten Entwickler waren in Kambodscha ansässig, deswegen wurde die App durch E-Mail-Unterhaltungen gebaut. Schon früh erkannte ich, dass ich von meiner Seite aus viele Drahtgitter-Zeichnungen und Scanns erstellen musste, da ein Absatz eines Textes zu viel Spielraum für Missverständnisse bietet. Ich versuchte, so spezifisch wie möglich zu sein, und die Vorschläge, die von den Entwicklern kamen, zu Sachen, die ich nicht spezifisch formuliert hatte, waren mehr als zufriedenstellend.

TranslateMedia: Wie hast du die App getestet?

Tom: Golden Gekko hat alle Funktionstests durchgeführt. Das war ausgezeichnet, da ich mich somit auf die Design/ User Experience konzentrieren konnte.

TranslateMedia: Wie gut ist die App bei den Nutzern (Schüler/Lehrer) angekommen?

Tom: Wir hatten in der ersten Woche 1000 Downloads, aber natürlich ist diese Zahl wegen der Sommerferien gesunken. Aber wir hoffen, dass die Zahl der Downloads wieder steigen wird, wenn das neue Schuljahr beginnt.

TranslateMedia: Bist du mit deinen Ergebnissen sehr zufrieden?

Tom: Es war ein großer Meilenstein für mich, die App zu bauen und sie zum laufen zu bringen. Ich war unglaublich zufrieden mit dem Ergebnis, aber im Tech-Sektor ist man nie lange mit seinem Produkt zufrieden und versucht ständig, dies zu verbessern.

TranslateMedia: Was könnte noch verbessert werden?

Tom: Vieles.

TranslateMedia: Vielen Dank, Tom. Wir sind uns sicher, dass du all deine Ziele erreichst.

Wir werden Sie auf dem Laufenden halten!

Wenn Sie die App ausprobieren wollen, können Sie sie kostenlos im Apple iTunes Store herunterladen.

Oder schauen Sie sich ein Video von Lingo in Aktion an: