28.11. 2014

Ist die Zukunft unserer Volkswirtschaft eine digitale?

Das Internet hat die Geschäftswelt komplett verändert.

Die wechselseitige Kommunikation in Echtzeit, die uns das World Wide Web bietet, hat den Handel neu erfunden. Verbraucher beeinflussen heute die Art und Weise, wie Unternehmen Produkte entwickeln und vermarkten, und das heutige unternehmerische Auftreten ist mit den Geschäftsstrukturen vor 20 Jahren kaum noch vergleichbar.

Ist die Zukunft unserer Volkswirtschaft also eine digitale? In diesem Artikel untersuchen wir die Auswirkungen des Internets auf verschiedene Wirtschaftsbereiche und wagen einen Blick in die Zukunft.

„Nur für Freaks“

Noch 1998 sprach EasyJet-Gründer Stelios Haji-Ioannou vom Internet als einem Medium „nur für Freaks“. Der britische Unternehmer glaubte nicht an die Idee, dass Verbraucher Flüge online buchen würden. Doch bereits 5 Jahre später wurden die meisten EasyJet-Buchungen – nämlich 90 % – übers Internet verzeichnet. Wie sich herausstellte, liebten Urlauber die Einfachheit der Online-Buchung. Und das galt nicht nur für Flüge.

Zahlreiche Produkte und Dienstleistungen werden mittlerweile entgegen ihren ursprünglichen Prognosen in bisher unbekannter Größenordnung im Internet erworben. Computer und technisches Zubehör gehören zu den beliebtesten Produkten, die heute im Internet verkauft werden. Diese Tatsache würde Ken Olsen, Mitbegründer des US-amerikanischen Computerherstellers Digital Equipment Corporation, vermutlich aus der Bahn werfen, denn 1977 war er der festen Überzeugung, es gäbe „keinen Grund, warum jemand einen Computer in seinem Zuhause haben wollte.“ Diese Aussage ging als spektakulärste Fehlvorhersage in die Technikgeschichte ein, zumal sie vom Unternehmensleiter selbst stammte.

Mehr als 5 Milliarden Geräte weltweit sind heute mit dem Internet verbunden. Man sollte Ken Olsen diese Fehldiagnose von 1977 allerdings verzeihen. Wer hätte denn schon ahnen können, dass sich die Dinge so entwickeln? Das wirft jedoch auch die Frage auf, ob Geschäftsführer und Vermarkter von heute präzisere Vorhersagen als Ken Olsen treffen können. Vorhersagen zu technischen Trendentwicklungen, die ihr Unternehmen möglicherweise massiv gefährden.

Im Folgenden haben wir einige Beispiele von Wirtschaftssektoren zusammengestellt, die derzeit große Veränderungen spüren oder in naher Zukunft sogar wesentlich beeinträchtigt werden könnten.

Landwirtschaft

Große Landwirtschaftsbetriebe haben jüngst eine Diskussion um eine agrarische Revolution angestoßen, die die Branche grundlegend verändern soll. Die beiden Konzernriesen Monsanto und DuPont versuchen zurzeit, die sogenannte „präskriptive Pflanztechnik“ auf dem Agrarmarkt einzuführen, um landwirtschaftliche Produktivität und Rentabilität zu erhöhen. Bei der präskriptiven Pflanzung werden Daten von den Landwirten, GPS-basierte Satelliten sowie Vorhersagemodelle, die auf Mustern aus Wetteraufzeichnungen, Topografie und der Leistungsfähigkeit der Pflanze basieren, genutzt, um Landwirten aufzuzeigen, welche Samen gepflanzt und wie sie kultiviert werden sollten.

Beide Konzerne akquirieren bereits im Technologiesektor. Monsanto erwarb vor Kurzem für 930 Millionen USD eine Firma namens Climate Corp., ein von zwei ehemaligen Google-Vorstandsmitgliedern gegründetes Unternehmen, das Wettermuster beobachtet, damit Landwirten bei Dürreperioden, Überflutungen oder anderen widrigen Witterungsbedingungen finanzielle Zusicherungen gemacht werden können.

Auf der Plattform der Firma werden die Wetterdaten von 2,5 Millionen verschiedenen geografischen Standorten, die Vorhersagen von Klimamodellen und die Daten von 150 Milliarden Bodenanalysen ausgewertet und untersucht. Damit erstellt Climate Corp. 10 Billionen Datenpunkte für die Wettersimulierung, die in den firmeneigenen Systemen zur Preisstruktur und Risikoanalyse der Schlechtwetterversicherung genutzt werden.

DuPont gab kürzlich die Zusammenarbeit mit DTN/The Progressive Farmer, einem Unternehmen zur Wetter- und Marktanalyse, bekannt. Ziel der Kooperation ist es, DuPonts Kunden Daten zu Klima- und Marktwerten in Echtzeit bereitzustellen. Die agrarische Revolution hat also begonnen; allerdings befürwortet nicht jeder diesen Wandel. Viele Landwirte sind skeptisch und lassen sich nur ungern auf diese technischen Veränderungen ein. Sie sind besorgt um Datenschutz und Dateneigentümerschaft. Sollten sich diese Systeme zur Erntesteigerung allerdings als nützlich erweisen, ist es lediglich eine Frage der Zeit, bevor sie den Agrarmarkt erobern.

Banksektor

Das Internet hat als Tool für Kommunikation und Zusammenarbeit alle Erwartungen übertroffen. Selbst Wirtschaftszweige, die zuvor für die Digitalisierung als zu komplex erachtet wurden, werden mittlerweile fast ausschließlich online betrieben. Die früher allzu häufigen Besuche in der Bank sind heute in vielen Industrieländern beinahe eine Rarität geworden, da Kunden Transaktionen online auf Computern und mobilen Endgeräten durchführen. Die meisten Banken jonglieren zwischen Kundenservice in der Zweigstelle vor Ort und Selbstbedienungskonzepten (Self Service Banking) im Internet. Auch hat sich die Erwartungshaltung gegenüber Banken verändert. In der Vergangenheit pflegten Kunden den persönlichen Kontakt zu ihren Bankdirektoren. Das ist heute nicht mehr der Fall.

Eine kürzlich durchgeführte Studie des Outsourcing–Unternehmens Accenture ergab, dass 71 % der Studienteilnehmer die Beziehung zu ihrer Bank über Transaktionen definieren und nicht über persönlichen Kontakt. Vielleicht liegt das daran, dass viele Menschen kein Vertrauen in Banken legen. Die Finanzkrise und damit einhergehende Rettungsschirme haben das Vertrauen in finanzielle Institutionen und deren Angestellte untergraben. Viele Menschen interessieren sich aus dem Grund zunehmend für Privatkredite.

Unternehmen wie Zopa, Funding Circle und Ratesetter verzeichneten großes Wachstum in den letzten Jahren. Zopa, der weltälteste und Europas größter Dienstleister für Privatkredite, hat seit seiner Gründung im Jahr 2005 Privatkredite im Wert von insgesamt 600 Millionen GBP vergeben. Ratesetter hat seit 2009 Privatkredite in einem Gesamtwert von 328 Millionen GBP bereitgestellt; bei Funding Circle sind es insgesamt mehr als 223 Millionen GBP, die an kleine und mittelständische Unternehmen in den letzten vier Jahren verliehen wurden. Fast alle dieser Transaktionen wurden online getätigt.

Immobilienmarkt

Die Berufssparte des Immobilienmaklers gehört zu den unbeliebtesten Großbritanniens und gerät zunehmend ins Wanken, da die digitale Revolution das Verkaufsgeschäft von den eigenen vier Wänden mehr und mehr unterminiert. Der Immobilienmarkt hat sich in jüngster Zeit drastisch verändert. Webseiten wie Rightmove und Zoopla haben es potenziellen Käufern und Mietern erleichtert, Objekte online von zuhause aus zu suchen. Dank der wachsenden Beliebtheit dieser Online-Makler sind Hauseigentümer nicht länger auf die Obrigkeit der Immobilienmakler angewiesen.

Eine kürzlich von der US-amerikanischen Investmentbank Jefferies durchgeführte Studie befand, dass 79 % ihrer Kunden ihr Haus direkt ausschreiben ließen, wäre dies erlaubt. Drei Viertel der Befragten gaben an, die Maklergebühren für zu hoch anzusehen. Vielleicht ist es nur noch eine Frage der Zeit, bevor Privatkredite auch den Immobilienmarkt erobern und Käufer und Anbieter sich direkt austauschen, um Kosten zu reduzieren und den komplizierten Vorgang bei Kauf, Verkauf oder Anmietung eines Objekts zu straffen.

Gesundheitswesen

Im Gesundheitswesen sind die Veränderungen infolge von neuer Technologie vielleicht am stärksten zu spüren. Dieser Wirtschaftszweig ist ausgereift, reagiert auf Innovation bekanntermaßen jedoch recht träge: Im Gesundheitswesen werden neue Technologien erst viel später als bei vielen anderen vertikalen Branchensektoren implementiert. Unter Umständen ändert sich dies jedoch schon bald. In den letzten Jahren wurden viele Start-up-Unternehmen im Gesundheitswesen gegründet; diese jungen, technisch versierten Unternehmen florieren geradezu. Die in Amerika organisierte Firma HealthTap ist ein solches Beispiel. Die Firma wurde 2010 von Stanford-Absolvent Ron Gutman gegründet. Sie ermöglicht es Menschen, auf Gesundheitsinformationen, medizinische Fachleute und Handlungsempfehlungen frei zuzugreifen. Im Netzwerk befinden sich tausende Ärzte, die Nutzer des Systems über die Webseite, soziale Netzwerke oder eine Smartphone-App kostenlos kontaktieren können. Es gibt zahlreiche andere Beispiele, bei denen neue und alte Ideenschöpfer erfolgreich implementierte Konzepte aus anderen Branchen für das Gesundheitswesen angepasst haben.

Das Gesundheitswesen verändert sich auch aufgrund von großen Datenmengen, die immer besser zugänglich gemacht werden. Bislang profitierten die großen Pharmakonzerne von einer Monopolstellung bei Daten-/Informationsbeschaffung und -kontrolle. Mit der Ankunft von verfügbaren, großen Datenmengen können jedoch auch andere Firmen Informationen zu Medikamenten, klinischen Studien, Patientenverhalten und einer Reihe anderer Aspekte sammeln – die sie dann wiederum für die Entwicklung von neuen Gesundheitsprodukten und -dienstleistungen verwenden können.

Was hält die Zukunft für uns bereit?

Angesichts der sich schnell entwickelnden Technologien repräsentieren diejenigen Branchen, die vom digitalen Vormarsch bereits beeinträchtigt wurden, wahrscheinlich nur die Spitze des Eisbergs. Mit Sicherheit lässt sich sagen, dass keine Branche und kein Wirtschaftsbereich die sich abzeichnenden Veränderungen selbstgefällig ignorieren darf.

Führungskräfte in der Volkswirtschaft müssen technische Innovationen und digitale Transformation für ihr Unternehmen annehmen, um auch weiterhin in einer zunehmend konkurrenzfähigen Welt effizient agieren zu können.