20.08. 2013

Kann das Silicon Valley unsere gefährdeten Sprachen retten?

Die Anzahl der weltweit gesprochenen Sprachen ist unbekannt – vor allem, weil es keine genaue Definition gibt, was der Unterschied zwischen einer Sprache und einem Dialekt ist. Ethnologue schätzt, dass es 7.105 Sprachen derzeit weltweit gibt. Die meisten von diesen Sprachen werden in Asien (2.304) und Afrika (2.146) gesprochen. Es wird vermutet, dass momentan 1.311 Sprachen in Australasien und dem Pazifik, 1.060 in Amerika und nur 284 in Europa existieren.

In Gebieten, wo Kulturen aufeinander treffen und Bildung besser zugänglich ist, werden Sprachen kontinuierlich absorbiert oder abgelöst. Immer öfter beherrschen Sprecher einer Sprache eine Fremdsprache auf Muttersprachlerniveau und werden bilingual. Jedoch nutzen sie ihre Muttersprache nicht mehr intensiv oder hören vollständig auf, sie zu benutzen. Auf Grund dessen verschwindet eine Reihe von Sprachen vollkommen. Auch Sprachen, welche von einer kleinen, geografisch isolierten Bevölkerung gesprochen werden, sterben aus, wenn ihre Sprecher durch Völkermord, Krankheit oder Naturkatastrophen ausgelöscht werden.

Von den angenommen 1.060 Sprachen, die in Nordamerika gesprochen werden, sterben laut Ethnologue geschätzte 336 (32%) momentan aus. In Europa sind 48 der 284 (17%) gefährdet und in Australasien und dem Pazifik sind 207 von 1.311 vom Aussterben bedroht. Das heißt, dass rund 16% der Sprachen weltweit gefährdet sind. Die beiden Regionen mit der größten Anzahl von Sprachen – Afrika und Asien- haben die niedrigste Rate an bedrohten Sprachen mit 6% bzw. 8%. Afrika und Asien haben ebenfalls die niedrigste Internetverbreitung und den niedrigsten Bildungsstand von allen genannten Regionen.

Daraus lässt sich schließen, dass Regionen mit einem relativ niedrigen Bildungsniveau und einer geringen Internetversorgungsrate wesentlich weniger bedrohte Sprachen haben. Diese Feststellung könnte dazu führen, dass Bildung und Internet das Aussterben von Sprachen tatsächlich fördern. Allerdings ist dies nicht immer der Fall. Man könnte in der Tat argumentieren, dass viele Technologie-Unternehmen tatsächlich helfen, bedrohte Sprachen zu retten.

Beispielsweise kündigte Microsoft im August 2012 an, dass Windows 8 in einer Sprache veröffentlicht wird, die viele Analysten überraschte: Cherokee. Noch vor einem Jahrzehnt hatte Cherokee noch keine Muttersprachler unter 40 Jahren. Heute sprechen die nordamerikanische rund 16.000 Menschen. Gmail unterstützt ebenfalls die amerikanische Stammessprache Cherokee.

Auf ähnliche Art und Weise kündigte Google im vergangenen Jahr an, dass es das Endangered Languages Project unterstützen wird, eine Initiative, die es Menschen erlaubt, Informationen und Quellen über aussterbende Sprachen zu teilen.

Google engagiert sich sehr dafür, ihre Dienste in Sprachen anzubieten, die nicht zum Mainstream gehören. Die Google Suchmaschine ist z.B. seit vielen Jahren in Gälisch verfügbar, obwohl die Sprache nur etwa 133.000 Muttersprachler hat, von denen alle Englisch sprechen.

Google fügt außerdem immer neue Sprachen zu ihrem Übersetzungs-Tool – der Google Übersetzer – hinzu. Beispielweise wurden erst vor ein paar Monaten Bosnisch, Cebuanisch, Hmong, Javanisch und Marathi ergänzt.

Obwohl diese Projekte positiv erscheinen, müssen sie sich natürlich für die Unternehmen rentieren. Organisationen wie Google und Microsoft müssen sicherstellen, dass ihre Produkte einen Markt in absehbarer Zukunft haben. Der beste Weg, um die Existenz eines Marktes zu gewährleisten, ist die Schaffung eines neuen Marktes. Durch gezielte Nischen der sprachlichen Märkte können die Tech-Riesen ihren zukünftigen Erfolg erhöhen, denn immer mehr Muttersprachler von diesen Sprachen weltweit werden zunehmend Zugriff auf das Internet haben und somit die Dienste in ihrer Sprache nutzen wollen.

Auf die gleiche Weise wird die relative Bedeutung von Englisch sich in der Welt verringern. Laut einer Studie eines Gelehrten der Brookings Institution, Homi Kharas, wird die globale Mittelschicht sich bis zum Jahr 2030 von 2 Milliarden auf 4,9 Milliarden Menschen mehr als verdoppeln. Die europäische und nordamerikanische Mittelschicht hat derzeit einen Anteil von 50% weltweit, aber bis im Jahr 2030 wird diese auf 22% sinken. Asien, wo mehr als 2.000 Sprachen gesprochen werden, wird eine globale Mittelschicht von 64% haben.

Während nun die Unternehmen in Silicon Valley ihre Zukunft durch die Entwicklung von Plattformen und Dienstleistungen in Nischen-Fremdsprachen sichern, ist ihnen eventuell nicht bewusst, dass sie damit das “Aufblühen” mancher Sprachen begünstigen.