26.06. 2013

Kann Sprache unsere Finanzen und Gesundheit beeinflussen?

Keith Chen, Verhaltens-Wirtschaftswissenschaftler der Yale University, New Haven (USA), ist davon überzeugt, dass es eine Verbindung zwischen Wirtschaft, wie Sie über die Zukunft denken und wie Ihre Sprache Sie dazu zwingt, über die Zukunft zu sprechen, gibt.

Es ist nachgewiesen, dass Sprachen bestimmte Konzepte unterschiedlich ausdrücken. Der russische Linguist Roman Jakobson hat einmal gesagt, dass “sich Sprachen wesentlich darin unterscheiden, was sie vermitteln müssen, und nicht in dem, was sie vermitteln können.” Werfen wir einen Blick auf das Chinesische, zum Beispiel.

Der deutsche Begriff “Onkel” ist eine inakzeptable Art und Weise in China über seine Verwandten zu sprechen, weil es zu wenig Informationen vermittelt. Sprecher des Mandarin-Chinesischen sind dazu gezwungen, mehr Informationen preiszugeben: Zunächst einmal gibt es kein allgemeines Wort für “Onkel” im Chinesischen. Anstatt dessen müssen die Sprecher sagen, ob es ein Onkel mütterlicherseits oder väterlicherseits ist, ob es ein Onkel von Geburt an ist oder durch eine Eheschließung in die Familie aufgenommen wurde und ob der Onkel der jüngere oder ältere Geschwisterteil der Mutter oder des Vaters ist.

Ebenso grundverschieden sind Sprachen, wenn es um die Zukunft geht. Nach Angaben des schwedischen Linguisten Östen Dahl gibt es zwei Kategorien von Zukunft-Zeit-Referenzen (Future-Time-Reference: FTR): Sprachen mit einer schwachen FTR, einschließlich Chinesisch, Deutsch und Finnisch, die ihren Sprechern erlauben über die Zukunft wie die Gegenwart zu reden. Diese Sprachen werden auch zukunftslose Sprachen (“futureless languages”) genannt. Zum anderen gibt es starke FTR-Sprachen, wie Englisch, Griechisch und Italienisch, welche ihre Sprecher dazu zwingen, einen grammatikalischen Unterschied zwischen der Zukunft und der Gegenwart zu machen. Zum Beispiel:

Im Englischen (starke FTR) sagt man:

  1. It rained yesterday. (‘Gestern regnete es.’)
  2. It is raining now. (‘Jetzt regnet es.’)
  3. It will rain tomorrow. (‘Morgen wird es regnen.’)

 

Im Deutschen (schwache FTR) kann man sagen:

  1. Es regnete gestern.
  2. Es regnet gerade.
  3. Es regnet morgen

 

Im Chinesen (schwache FTR) kann man sogar alle drei Konzepte mit einem zeitlichen Konzept ausdrücken:

  1. Gestern regnet es.
  2. Jetzt regnet es.
  3. Morgen regnet es.

 

Professor Chen erklärte BBC Business Daily, dass “wenn Ihre Sprache die Zukunft und Gegenwart mit grammatikalischen Unterschieden versieht, führt es zu einer leichten Distanzierung der beiden Konzepte, jedes Mal, wenn Sie sprechen.”

Er zeigt in seiner Forschungsarbeit, dass Sprecher von Sprachen ohne wirklicher Zukunft:

  • bis zu 39% mehr sparen bis zum Ruhestand
  • 31% mehr in einem Jahr sparen
  • 29% mehr körperlich aktiv sind
  • 24% weniger wahrscheinlich sind zu rauchen
  • 13% weniger wahrscheinlich sind fettleibig zu werden

 

Seine Ergebnisse stützen sich auf neun mehrsprachige Länder, wie Belgien, die Schweiz, Estland, Nigeria und Singapur.

Allerdings wurden Chens Ergebnisse von vielen renommierten Linguisten und Ökonomen kritisiert. Der Linguist John McWhorter von der Columbia University sagt, dass die Struktur einer Sprache einen subtilen Einfluss auf das Weltbild ihrer Sprecher hat. “Das Ausmaß, in dem Sprache unser Denken prägt, ist winzig. Wir reden hier über Millisekunden der Reaktionszeit”.

Der Direktor der Durham University für Verhaltensökonomie, Morten Lay, stimmt zu, dass die Zukunftsfaktoren einer Sprache wenig damit in Verbindung stehen, wie viel Menschen beispielsweise sparen. “Man muss mit Schlussfolgerungen von derartigen Korrelationen wie diesen vorsichtig sein. Es ist sehr schwierig, mehrere Faktoren zu kontrollieren. Zum Beispiel hat unsere eigene Forschung in Dänemark ergeben, dass männliche Raucher einen höheren Zinssatz auf ihre Ersparnisse anstreben, als Nichtraucher. Dies traf allerdings nicht auf weibliche Raucher zu.”

Um mehr über dieses Thema zu erfahren, lesen Sie unseren Artikel “Beeinflusst Sprache unser Weltbild?”

Schauen Sie sich Professor Chens Video auf TED an und berichten Sie, was Sie denken!