15.07. 2013

Neandertaler und Urmenschen teilten gemeinsame Sprache

Ein Stereotyp des Neandertalers ist, dass er ein brutaler Höhlenmensch war, der mit Grunzen kommuniziert und keine komplexe Sprache entwickelte hat. Allerdings wird in einer neue Studie vom Max-Planck-Institut für Psycholinguistik argumentiert, die von einem niederländischen Wissenschaftler veranlasst wurde, dass Neandertaler nicht nur mit modernen Menschen interagierten und sich untereinander vermehrten, aber höchstwahrscheinlich auch einige Elemente des Sprechens und der Sprache teilten.

Neandertaler haben die akademische Welt seit ihrer Entdeckung vor fast 200 Jahren fasziniert. Es ist allgemein anerkannt, dass sie eine arrivierte Spezies waren, die weite Teile des westlichen Eurasiens für mehrere Hunderttausende von Jahren in der milderen Zwischeneiszeit bewohnten.

Wissenschaftler waren sich dessen bewusst, dass der Neandertaler einer unserer nächsten Verwandten war, denn wir hatten vor rund einer halben Millionen Jahre den gleichen Vorfahren (wahrscheinlich den Homo Heidelbergensis); Jedoch war unklar, was die Neandertaler für kognitive Fähigkeiten besaßen oder warum der moderne Mensch nach Tausenden von Jahren des Zusammenlebens die Oberhand gewann.

Aufgrund der jüngsten archäologischen und paläontologischen Entdeckungen und der Neubewertung und Beurteilung von älteren Daten, sowie der Verfügbarkeit von alter DNA, konnten Wissenschaftler in letzter Zeit neue Erkenntnisse gewinnen. Das Schicksal der Neandertaler ist viel enger mit uns verflochten und ihre kognitiven Fähigkeiten und Kultur ähneln dem des modernen Menschen sehr. Es wird sogar behauptet, dass unsere Sprache sogar Elemente der Neandertaler-Sprache beinhaltet.

“Wir glauben, dass, wenn Neandertaler so etwas wie eine moderne Sprache hatten und der Homo Sapiens mit ihnen interagierte, unsere Sprache definitiv Spuren der Neandertaler-Sprache hat”, sagt Dr. Dan Dediu, Psycholinguist und einer der führenden Autoren der Studie.

Aufgrund der bereits vorhandenen DNA und neuen archäologischen Funden können die Linguisten nun daraufhin deuten, dass sich die Sprache durch einen allmählichen darwinistischen Prozess, der sowohl biologische, als auch kulturelle Evolutionen beinhaltet, entwickelt hat – und nicht nur durch eine oder mehrere zufällige genetische Mutationen, wie eine andere Theorie behauptet.

Wenn diese neue Theorie stimmt, könnten die Ergebnisse des Forschungsteams die Ursprünge der modernen Sprache komplett verändern.
Während viele glauben, dass die moderne Sprache vor mehr als 50.000 Jahren begann, behauptet die Studie, dass die Entwicklung von Sprache mehr als eine Million Jahre zurückliegt – in der Zeit zwischen der Entstehung unserer Gattung, des Homo Sapiens (rund 1,8 Millionen Jahre) und der Entstehung des Homo Heidelbergensis.

“Der wichtigste Punkt, den wir versuchen zu vermitteln, ist, dass moderne Sprache schon sehr alt ist. Das bedeutet, dass die Sprache eine Menge Zeit hatte, sich zu verändern und wurde durch viele Kulturen und biologische Faktoren geprägt”, sagt Dediu. “So etwas passiert nicht über Nacht”.

Die Studie wurde am 5. Juli in der Zeitschrift Frontiers in Language Sciences veröffentlicht und steht in Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern des Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig, die im Jahr 2010 herausgefunden haben, dass die Neandertaler und der moderne Mensch dieselbe DNA teilen.