Was die Sprache über die Arbeitseinstellung verrät

Was die Sprache über die Arbeitseinstellung verrät


Angesichts einer der höchsten Produktivitätsraten weltweit ist es offensichtlich, dass die deutsche Arbeitskultur nicht vollkommen fehlgeleitet sein kann. Versteht man die Sprache, die Deutsche am Arbeitsplatz verwenden, sagt das viel über ihre Arbeitsauffassung aus. Die Sprache, die am Arbeitsplatz und außerhalb davon verwendet wird, trägt zur Stärkung der Arbeitskultur im Alltag bei und sagt etwas über die kulturelle Auffassung von unserer Arbeitsweise aus.

Deutschland und Österreich haben mit die längsten Arbeitszeiten aller EU-Länder und zugleich mit die geringsten Arbeitslosenquoten.

Obwohl Deutschsprachige hart arbeiten, trennen sie Beruf und Gesellschaftsleben voneinander. Das spiegelt sich auch in der Sprache wider, die am Arbeitsplatz verwendet wird. Durch Ausdrücke wie „Mahlzeit“ wird diese Trennung von Arbeit und Freizeit noch verstärkt.

„Mahlzeit“ ist ein eigenartiger Ausdruck – in anderen Kulturen gibt es ihn nicht. Er steht stellvertretend für „guten Appetit“ und wird ab etwa 11 Uhr morgens als informelle Begrüßung anstelle von „guten Morgen“ verwendet.

Aber „Mahlzeit“ ist mehr als nur eine Grußformel. Der Ausdruck wird auch umgangssprachlich benutzt, um etwas wie „oh, forget about it“ (ach, vergiss es) zu sagen, oder sogar als Ausruf, wenn jemand aufstößt.

Im Allgemeinen wird damit zur Kenntnis genommen, dass ein Kollege oder eine Kollegin gleich zu Mittag isst bzw. gerade zu Mittag gegessen hat. Der Ausdruck signalisiert einen Bruch zwischen Arbeit und Freizeit. In Deutschland wird viel Wert auf die eigene Freizeit gelegt. Die Mittagspause ist vielen geradezu heilig.

Trotz der hohen Produktivität melden sich deutsche Arbeitnehmer im Jahr doppelt so häufig krank wie Arbeitnehmer im Vereinigten Königreich und nehmen so viel Urlaub wie in keinem anderen Land in Europa.

In Deutschland herrscht auch eine gesunde Einstellung zu Krankentagen vor: „Wenn man krank ist, ist man krank.“

Schon bei relativ leichten Erkrankungen werden Krankmeldungen allgemein akzeptiert. Deutsche verstehen die Zeit am Arbeitsplatz als reine Arbeitszeit. Persönliche Angelegenheiten, wie Krankheit oder die Mittagspause, zählen für sie nicht dazu. Diese Unterscheidung spiegelt sich auch in der Sprache wider.

Sprache beeinflusst die Stellensuche

In einer Studie in der mehrsprachigen Schweizer Grenzregion war die Sprache von Arbeitssuchenden ein entscheidender Faktor bei der Frage, wie lange sie brauchten, um Arbeit zu finden.

Deutschmuttersprachler fanden schneller Arbeit als Bewerber mit einer romanischen Muttersprache (in dieser Studie Französisch oder Italienisch). Deutschsprachige Schweizer bekamen durchschnittlich 7 Wochen schneller eine Anstellung als französisch- oder italienischsprachige.

Tatsächlich zeigt die Forschung, dass die Sprache ein guter Indikator für die allgemeine Arbeitseinstellung einer Person ist. Französisch- und italienischsprachige Arbeitnehmer haben demzufolge ein größeres Interesse an Regelungen für kürzere Arbeitszeiten, mehr Urlaubstage und ein flexibles Renteneintrittsalter.

Fast 77 % aller deutschsprachigen Schweizer stimmen der Aussage „ich hätte Spaß an einer bezahlten Arbeitsstelle, selbst wenn ich das Geld nicht bräuchte“ zu. Nur 52 % der französisch- und italienischsprachigen Schweizer sagen das Gleiche.

Laut weiterer Forschung glauben Menschen mit romanischer Muttersprache eher weniger daran, dass harte Arbeit zum Erfolg führt. Zudem glauben sie eher daran, dass äußere Einflüsse das Leben einer Person bestimmen.

In der Schweizer Studie brauchten romanischsprachige Bewerber nicht nur mehr Zeit, um Arbeit zu finden, sondern auch mehr Unterstützung bei ihrer Suche. Dies deutet auf einen stärkeren, kulturell bedingten Schicksalsglauben bei Menschen mit romanischer Muttersprache hin.

Kultur und Sprache sind eng miteinander verflochten, so eng, dass sich die beiden Aspekte kaum voneinander trennen lassen. Die Schweizer Studie zeigt, dass die Sprache und der kulturelle Hintergrund einer Person deren Arbeitsleben entscheidend beeinflussen, selbst wenn Faktoren wie lokale Bedingungen kontrolliert werden.

Unnatürliche Berufssprache

Die US-amerikanische Berufssprache offenbart zum Teil, wie wichtig Logik, Erfolg und Emotionslosigkeit für die amerikanische Arbeitskultur sind.

Häufig fallen Begriffe mit fragwürdigem grammatischen Ursprung, wie „results-orientated“ (ergebnisorientiert), „deliverables“ (Arbeitsergebnisse), „buy-in“ (Buy-in) und „core-competencies“ (Kernkompetenzen).

Viele dieser Begriffe werden missverstanden und nicht wenige Menschen geben an, dass sie diese Berufssprache nicht ausstehen können. Dennoch kommt man nicht umhin, sie ebenfalls zu benutzen, um sich in das jeweilige Arbeitsumfeld einzufügen.

Die unnatürliche Sprache des Büroalltags zu übernehmen, ist in Amerika ein Schlüsselaspekt auf dem Weg zum beruflichen Erfolg – und womöglich auch eine Art, das Arbeitsleben vom richtigen Leben zu trennen, indem man sehr unterschiedliche Wörter verwendet.

Der Gebrauch dieser seltsamen Sprache kann auch ein Zeichen dafür sein, dass jemand ein geringes Selbstbewusstsein hat und sich auf diese Weise durch den Berufsalltag blufft. Weshalb sollte man sonst von „core-competencies“ sprechen, anstatt einfach zu sagen „was wir gut können“? Diese Ausdrucksweise zeigt, wie wichtig es in den USA am Arbeitsplatz ist, mutig und selbstbewusst zu sein.

In verschiedenen Kulturen herrschen sehr unterschiedliche Auffassungen vom Arbeitsleben, die sich in der Sprache am Arbeitsplatz widerspiegeln. Für Außenstehende ist es schwierig, sich den Arbeitsgewohnheiten anderer Kulturen anzupassen. Manchmal ist das Verstehen der Sprache am Arbeitsplatz ein erster Schritt, um eine Verbindung zu dieser anderen Kultur aufzubauen und sich daran anzupassen.

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